
Es geschah auf der Kegelbahn im Krug zum grünen Kranz. Am Sonntag, dem 16. Juli 1933, wurden vier Münsterdorfer von SA-Männern schwer misshandelt. Heinrich Kaste, Henry Möller, Hans Struck und Otto Düring waren Sozialdemokraten und Reichsbanner-Mitglieder – Demokraten, die sich den neuen, nationalsozialistischen Machthabern entgegengestellt hatten. Im Krug zum grünen Kranz mussten sich die Opfer über die Kegelpoller legen. Hier prügelten die Schläger auf die vier Männer ein und peitschten sie aus.
Zuvor hatten die Nationalsozialisten vergeblich nach versteckten Waffenlagern in unserem von SA und SS umstellten Dorf gesucht.
Nach Aussagen von Münsterdorfer Zeitzeugen gab es hier gar keine Waffenlager. Begleitet wurde die Durchsuchung der Häuser von der Polizei und der Landjägerei. Zur Erklärung des letzten Begriffes: Die Landjägerei war für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung in ländlichen Gebieten zuständig, wobei die jeweiligen Landräte die Polizeichefs waren.
Bei den Hausdurchsuchungen wurden laut eines Berichts im Nordischen Kurier vom 17. Juli „Gewehr- und Revolvermunition, einige Dolche und Säbel sowie einiges Werbematerial und einige Listen“ gefunden. Der Bericht fährt fort: „Es wurden zirka 36 Personen zur Vernehmung durch die Polizei gleich am Ort vorgeführt, wovon 9 Personen, darunter drei Frauen nach Itzehoe mittels Auto in Schutzhaft gebracht wurden. Mittags gegen 13 Uhr war die Aktion erledigt und rückten die SA- und SS-Formationen wieder ab.“ Kein Wort in dem Zeitungstext über die brutale Züchtigung von Heinrich Kaste, Henry Möller, Hans Struck und Otto Düring. Eine Beschreibung der wahren Umstände hätte wohl auch nicht in das nationalsozialistische Bild der noch relativ jungen Bewegung gepasst.
Die vier Demokraten wurden deshalb Opfer, weil sie in Opposition zur NSDAP standen und sich nicht in einer Diktatur gleichschalten lassen wollten. Noch am 28. Juli1933 schwärmte im Gasthaus Freudental der damalige NSDAP-Ortsgruppenleiter von Itzehoe, Rechtsanwalt Dr. Herbert Heitmann, der von 1934 bis 1940 auch Itzehoer Bürgermeister war, „…dass sich die Revolution ganz diszipliniert vollzogen“ hätte. Im Gegensatz dazu seien frühere Revolutionen von Blutrausch begleitet gewesen.
Das umfangreichste Wissen existiert über Heinrich Kaste, der kurz vor Kriegsende am 1. April 1945 bei Hanshagen in Ostpreußen fiel. Ebenso über Otto Düring. Bis auf Heinrich Kaste haben die Münsterdorfer Opfer der Sägebockaktion den Krieg überlebt.
Ein Bericht des Kreissonderhilfsausschusses aus dem Jahre 1953 hält fest, dass sowohl Heinrich Kaste als auch Otto Dühring jeweils 100 Schläge über sich hatten ergehen lassen müssen. Wie oft Henry Möller und Hans Struck geschlagen wurden, sei nicht bekannt. Festgehalten ist auch, dass der Ausschuss wisse, dass Otto Dühring infolge der Züchtigung immer noch nervenkrank sei und an Verfolgungswahl leide – das war acht Jahre nach Kriegsende.
Erst Ende der 1990er Jahre sah sich Heinrich Kastes Bruder Bruno emotional in der Lage, über die Prügelaktion zu berichten. Er sagte, dass Heinrich nach der Züchtigung zusammen mit seiner Mutter ins Polizeigewahrsam nach Itzehoe gebracht wurde. Dort wurde beiden das Versprechen abgenommen, nicht über die „Sägebockaktion“ zu sprechen, andernfalls kämen sie ins Konzentrationslager.
Über die erste Begegnung nach der „Sägebockaktion“ liegen von Bruno Kaste folgende Aussagen vor: Die Familie bekam zwei Tage später den Bescheid, sie könne ihre Angehörigen wieder nach Hause holen. Und wörtlich: „Mit mehreren Personen machten wir uns auf nach Itzehoe. Zuerst kam meine Mutter aus der Polizeiwache. Sie sagte: ‚Komm um die Ecke, sie sollen uns nicht weinen sehen, den Triumph sollen sie nicht haben.‘ ‚Wo ist Hein?‘, fragte ich. Meine Mutter weinte und sagte: ‚Ich habe Angst, dass sie mit ihm ins KZ abgehen.‘ Nach einiger Zeit kam mein Bruder aus der Wache heraus. Er war schwer gezeichnet. Wir gingen langsam nach Haus.“ Zu Hause wurden seine Wunden mit Zinksalbe behandelt.
In der Folgezeit musste sich Heinrich Kaste täglich bei der Polizei in Itzehoe melden. Zitat Bruno Kaste: „Später wurde dies dann gelockert, und er musste sich nicht mehr so oft auf der Wache einfinden. Die Meldeverpflichtung entfiel, als er wieder in Arbeit war. Doch die bekam er erst erheblich später in Büttel, wo er in der Faschinenherstellung tätig war und die Reisigbündel für die Sicherung von Uferböschungen und für den Lahnungsbau herstellte.“
Das, was damals in Münsterdorf geschah, hat sich in dieser Form auch in anderen Orten zugetragen. In Itzehoe, Kellinghusen und Elmshorn wurden ebenfalls missliebige Personen von Nationalsozialisten verprügelt. Während man sie dort zuvor über einen Sägebock gelegt hatte, musste in Münsterdorf der Poller auf der Kegelbahn für die Tortur herhalten.
2018 machte Dieter Stehr als Mitglied des inzwischen aufgelösten Ortsgeschichtlichen Arbeitskreises Münsterdorf e.V. den Vorschlag, zu Ehren und Gedenken der Opfer so genannte Stolpersteine durch den Kölner Künstler Gunter Demnig verlegen zu lassen. Dies wurde am 15. Februar 2019 realisiert. Gunter Demnig hat die Stolpersteine auf dem Bürgersteig in der Kirchenstraße direkt vor der ehemaligen Kegelbahn platziert.
Das „Projekt Stolpersteine“ gilt als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Mittlerweile wurden mehr als 100.000 Steine in über 30 Staaten verlegt.











