„Geschichten aus einer anderen Zeit“

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Otto Soyka, geboren 1935, lebte viele Jahre in Münsterdorf. In seinem Buch „Geschichten aus einer anderen Zeit– Jugenderinnerungen aus Münsterdorf und Breitenburg“ berichtet er in 25 Kapiteln über die Kriegs- und Nachkriegszeit, so wie er sie als Schuljunge wahrgenommen hatte. Im Anhang veranschaulichen persönliche Fotografien das damalige Leben.

Seine Schilderungen über Vorfälle während der NS-Zeit und des Krieges betreffen die „Sägebockaktion“ vom 16. Juli 1933, den Kriegsbeginn am 1. September 1939, den Luftkampf am 5. Januar 1944 über dem Kreis Steinburg, einen angeblichen Spion, der aus einem englischen Aufklärungsflugzeug abgesprungen und in der Nordoer Heide gesichtet worden sein soll, sowie polnische und serbische Kriegsgefangene.

Über das Kriegsende am 8. Mai 1945 und die Befreiung vom Nationalsozialismus durch englische Besatzungstruppen schreibt der Autor: „Es herrschte eine unbeschreibliche Stimmung bei uns im Hause. Einerseits waren alle froh, dass nun endlich dieser schreckliche Krieg zu Ende gegangen war, andererseits fürchteten sie sich vor den alliierten Truppen, die bereits Itzehoe eingenommen hatten und sich schon auf dem Weg nach Münsterdorf befanden. (…) Der dröhnende Lärm, den die Motoren der riesengroßen Fahrzeuge verursachten, ließ unseren ganzen Körper vibrieren und jagte uns einen großen Schrecken ein. Vor lauter Angst hielten wir uns die Ohren zu. Die Soldaten in den Jeeps fuhren mit geöffnetem Verdeck an uns vorbei und machten auf uns einen friedlichen Eindruck. Einige von ihnen reichten uns sogar aus dem Wagen englische Schokolade und Kaugummi zu. So bedrohlich, wie wir erwartet hatten, schienen uns die englischen Besatzer nun doch nicht zu sein. Bald standen Panzerschleppfahrzeuge, Panzer-Spähwagen, Jeeps und LKWs kilometerweit bis Itzehoe.“

Gegen Ende des Krieges seien die Durchhalteparolen der Nazis „immer grotesker und erfinderischer“ geworden und schürten die Angst vor den Engländern.  Otto Soyka berichtet: „So ging die Drohung (…) in Münsterdorf und Itzehoe herum, dass wir alle, falls der Krieg verloren ginge, in den Alsen’schen Zementmühlen zermahlen werden.“ Otto Soyka: „Umso überraschter waren wir, als wir erkannten, dass die englischen Soldaten auch nur Menschen waren, so wie wir. Sie brauchten Wasser, das wir ihnen aus unserem Brunnen holten. (…) Wir Kinder verloren sehr schnell unsere anfängliche Zurückhaltung, denn die Soldaten verhielten sich uns gegenüber sehr unbefangen und freundlich.“ (…)

Beim Einmarsch der Besatzungstruppen wollte niemand mehr etwas mit dem Nazi-Regime zu tun gehabt haben. Die Reichsarbeitsdienstler entledigten sich Ende April 1945 ihrer Waffen und sonstiger verdächtiger Materialien, warfen fort oder vergruben alles, was an die Zugehörigkeit zur Wehrmacht erinnern konnte. „Wir Jungs beobachteten sie dabei in der Nordoer Heide, versteckt im Gebüsch, und kannten daher genau die Stellen, an denen wir ‚Beute‘ machen konnten. Jeden Tag stöberten wir dort herum und wurden auch fündig. (…) Ungefährlich war diese Aktion nicht, denn es lag im Wald teilweise noch scharfe Munition herum und auch noch Gewehre.“

Was die Kinder fanden, darunter auch Gasmasken, Hakenkreuze, Koppelschlösser, Dolche, Stahlhelme und Mützen mit Emblemen, tauschten sie bei den englischen Soldaten gegen Weißbrot, Cadbury-Schokolade, englische Drops, Mackintosh’s Toffees oder Zigaretten ein, die sich ebenfalls zum Weitertausch eigneten. Die schweren Waffen, darunter auch Panzerfäuste, seien von den Männern des Reichsarbeitsdienstes bereits vor Ankunft der englischen Soldaten zum Schulhof der Münsterdorfer Schule gebracht worden, um sie dort den Alliierten auszuhändigen.

Das Kriegsende bedeutete für die Zwangsarbeiter Entlassung in die Freiheit. Wie viele es in Münsterdorf waren, darüber liegen keine genauen Zahlen vor . Sie waren zwangsverpflichtet worden als Ersatz für deutsche Männer, die zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Deren Arbeitskraft fehlte auf Bauernhöfen, im Handwerk und in Fabriken. Im nationalsozialistischen Deutschen Reich und in den von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten wurden mehr als 20 Millionen Menschen der Zwangsarbeit unterworfen. 

Otto Soyka schreibt: „Auch in unserem kleinen Dorf brachten sie polnische und serbische Zwangsarbeiter unter, die bei den Bauern arbeiten mussten. Sie bekamen Verpflegung und meistens nur einfache Unterkünfte. Manchmal bekamen sie wohl auch etwas Taschengeld. (…) Ansonsten hatten sie keinerlei Rechte. Sie durften keine deutschen Geschäfte betreten, geschweige denn, etwas käuflich erwerben. Man konnte ihnen ansehen, in welch trauriger Lage sie sich befanden.“

In dem Bericht von Otto Soyka gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Zwangsarbeiter in Münsterdorf drangsaliert wurden. Dort steht: „Die meisten Bauern in Münsterdorf hielten sich nicht an alle Nazi-Vorschriften für Zwangsarbeiter. Für sie war ihre Arbeitskraft zwar auch sehr wichtig, aber der Mensch stand an erster Stelle.“

Eine Aussage, die sich mit der eines anderen Münsterdorfer Zeitzeugen deckt: Bäckermeister Berend Lorenz (heute 86), in dessen elterlichen Backstube ebenfalls ein Zwangsarbeiter, ein Serbe namens Dragoslaw, beschäftigt war, spricht von einem zivilisierten Verhältnis untereinander. Es sei von der Partei zwar verboten worden, mit Zwangsarbeitern an einem Tisch zu sitzen und gemeinsam zu essen, aber in seiner Familie sei das ignoriert worden – es sei denn, Kontrolleure kamen, „dann musste er den Tisch verlassen“.

Untergebracht war Dragoslaw mit anderen Serben in einem Stall auf einem Grundstück in der Anscharstraße. Geschlafen wurde in dreistöckigen Betten. Während der Nacht durften sie das Gebäude nicht verlassen. Als der Krieg zu Ende war, verließen auch die Serben Münsterdorf. Berend Lorenz: Gefeiert hatten sie ihre Befreiung noch in der Bäckerei Lorenz. Dafür wurden kleine Ferkel geschlachtet und als Spanferkel gebacken.

Offizielle Dokumente, die sich mit der Situation der Zwangsarbeiter in Münsterdorf beschäftigen, liegen nicht vor, so dass über ihre körperliche und seelische Verfassung keine Aussagen getroffen werden können. Auffällig ist jedoch, dass aus einer Skizze des Münsterdorfer Friedhofes in der Schallenbergstraße hervorgeht, dass neben der Leiche des holländischen KZ-Insassen Adrianus Jacobus de Rooy auch drei polnische Staatsbürger beerdigt wurden.

Die Dokumentation der Bestattungen in Münsterdorf, niedergelegt im Beerdigungsregister 1945 der Kirchengemeinde, zeigt, dass am 24. März 1945 ein Unbekannter, der sich bei Lehmkuhl erhängt hatte, am 28. März „still beigesetzt“ wurde. Vermerkt ist, dass es sich bei ihm um einen etwa 50 Jahre alten Mann handelte, „anscheinend aus dem Osten“.

Wenige Tage zuvor waren zwei Säuglinge beerdigt worden: am 5. März die sieben Tage alte Maria Custall und am 8. März ihre Zwillingsschwester, Sophia – „Kinder eines polnischen Gutsarbeiters auf Osterholz“. Dort sind heute der Golfplatz und das „Hotel Breitenburg“. Was an der Beerdigung von Maria und Sophia so sehr erschüttert, ist der Eintrag im Kirchenbuch, dass sie „ohne kirchliche Mitwirkung“ bestattet wurden. Warum sich der Pastor am Grab nicht gezeigt hat, kann ich aufgrund der Aktenlage nicht ergründen. Ich verweise aber darauf, dass bereits ein Jahr zuvor der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Münsterdorf, Hachmann, Pastor Rustmeier verboten hatte, toten amerikanischen Fliegern ein letztes Vaterunser zu beten.

Die Polen wohnten möglicherweise auf dem zum Schloss Breitenburg gehörenden Gutshof Lehmkuhl. Walter Vietzen, Herausgeber der Bücher „Zwangsarbeitende im Kreis Steinburg 1939 – 1945“ schreibt: „Auf dem Gutshof derer von Breitenburg arbeiteten polnische und serbische Kriegsgefangene, die dort auch untergebracht waren.“

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