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Um die Krankenhäuser während der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu entlasten, wurden in Städten und Gemeinden sogenannte Hilfskrankenhäuser eingerichtet – eines davon gab es in Münsterdorf in der Gasstätte „Krug zum grünen Kranz“. Im ersten Stock, im großen Saal, standen mehrere Krankenbetten – wie viele Patienten insgesamt aufgenommen wurden, ist nicht bekannt.

Auskunft über das Hilfskrankenhaus gibt die frühere Münsterdorferin Anke Filpe, deren Schwiegermutter dort Patientin war. Die Zeitzeugen, die ich über der Einrichtung befragen konnte, waren der vor zwei Jahren verstorbene Ernst Ballschmieter (1932 – 2023), der Jahrzehnte lang in der Hermannstraße gewohnt hatte, und die ebenfalls 1932 geborene Münsterdorferin Lilli Bork aus der Kalandstraße.

Aufgeworfen wurde die Frage nach dem Standort durch den ehemaligen Lehrer Walter Vietzen aus Kellinghusen, der sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus beschäftigt. Er hat mehrere Bücher über Zwangsarbeit im Kreis Steinburg verfasst.

Bei seiner Recherche fiel Vietzen eine alte Skizze vom Münsterdorfer Friedhof aus dem Jahr 1950 in die Hände, auf der die Grabstellen eines Holländers und dreier Polen vermerkt waren. Angefertigt worden war die Skizze nach Kriegsende von einer Gruppe Franzosen, die an der Suche nach verschollenen Soldaten beteiligt war. Vietzen schrieb am 19. April 2020 an mich: „Die Gräberskizze des Friedhofes in Münsterdorf zeigt das Grab eines Holländers, der wahrscheinlich im Arbeitserziehungslager Nordmark bei Kiel getötet worden ist. Wissen Sie mehr darüber?“

Anne Hell, frühere Mitarbeiterin im Büro unserer Kirchengemeinde ermittelte, dass es sich bei dem Toten um den holländischen Staatsangehörigen Adrianus Jacobus de Rooy, geboren am 10. August 1923, gehandelt habe. Gestorben war de Rooy am 5. Mai 1945 in Münsterdorf. Als letzter Wohnort sei Münsterdorf genannt. Weiter ging aus den Akten hervor, dass es sich bei dem Toten um einen entlassenen KZ-Häftling aus Kiel gehandelt hat.

Wie wir aus den Kirchen-Unterlagen wissen, beschäftigte sich der Münsterdorfer Pastor Walter Rustmeier schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Schicksal des ehemaligen Zwangsarbeiters und KZ-Gefangenen. Am 6. August 1946 teilte er der Zentral-Suchstelle für Vermisste in Arolsen/Hessen mit, dass De Rooy am 5. Mai 1945 gestorben war. Rustmeier wörtlich: „Wahrscheinlich an Entkräftung im Hilfskrankenhaus Münsterdorf.“ Und weiter schrieb der Pastor: „Anscheinend ist De Rooy bis Anfang Mai 1945 im Konzentrationslager Russee bei Kiel gewesen. Jedenfalls fand ich unter seinen Papieren einen Entlassungsschein dieses Lagers.“

Ein düsteres Bild zeichnete 2020 Ernst Ballschmieter über die Verhältnisse im Hilfskrankenhaus Münsterdorf. Er selbst sei 1945 in dem Alter gewesen, in dem Jungen verpflichtet waren, Dienste für das Regime zu leisten. Er wurde damit beauftragt, in einem anderen Hilfskrankenhaus Betten aufzustellen. Das war im Schloss Breitenburg. Über die Zustände in Münsterdorf berichtete er, dass Hilflose, die aus medizinischen Gründen zuvor im Krug zum grünen Kranz eingeliefert worden waren, kurz vor ihrem Tod nackt auf einer Wiese hinter der Gastwirtschaft, dem Kirchenfeld, zum Sterben abgelegt worden waren: „Es war ein grauenhafter Anblick“, erinnerte sich Ernst Ballschmieter, dessen Elternhaus direkt an der Grenze zum Kirchenfeld stand.

Weil es in Münsterdorf keinen Hinweis zu Jacobus De Rooy gibt, sollten wir uns überlegen, ob es nicht angebracht ist, ebenfalls für diesen Mann einen Stolperstein setzen zu lassen. Auch er war ein Opfer des Nationalsozialismus, umgebracht durch die brutalen Verhältnisse in den Arbeits- und Konzentrationslagern.

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