In einem Internet-Beitrag heißt es: „Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten in Westdeutschland rund eine Million Kriegerwitwen, die ihre Ehemänner im Krieg verloren hatten und oft die alleinige Verantwortung für ihre Kinder trugen. Eine genaue Gesamtzahl der Kriegerwitwen in Deutschland ist nicht leicht zu ermitteln, da sie sowohl in der Bundesrepublik als auch in der Sowjetischen Besatzungszone lebten und die Forschung zu ihrer Lebenssituation bisher nur wenig erforscht ist.“
Wie dem Gefallenenbuch unserer Kirchengemeinde entnehmen können, kehrten 59 Münsterdorfer Männer nicht aus dem Krieg zurück. Einer von ihnen war der 1913 geborene Wenzel Krapp, der wahrscheinlich im August 1944 in Rumänien während der Kriegsgefangenschaft den Tod fand. Seine Ehefrau, Henriette Krapp, erfuhr von seinem Ableben erst 1969: Der „Suchdienst München“ hatte Kontakt zum „Sowjetischen Roten Kreuz“ aufgenommen und erhielt von dort die Nachricht, dass alle Nachforschungen über den Verbleib ihres Mannes ohne Erfolg geblieben seien: „Daraus muß geschlossen werden, daß er (Wenzeslaus Krapp), bevor er in einem Kriegsgefangenenlager namentlich erfaßt wurde, in der ersten Zeit der Gefangenschaft den Tod gefunden hat.“
Noch Jahre danach belasteten Henriette Krapp diese Zeilen. „Ich bin immer wieder aufgeregt, wenn ich mich damit beschäftige“, sagt sie mir in einem Gespräch vor nunmehr 20 Jahren.
1950 hatte sie sich erstmals an das „Deutsche Rote Kreuz“ gewandt. Doch erst 19 Jahre später kam für sie die Erkenntnis: „Mein Mann ist in Gefangenschaft gefallen.“
Das letzte Mal hatte sie ihn am 20. Juli 1944 in die Arme genommen. Am Tag des Attentats auf Adolf Hitler in der „Wolfsschanze“ bei Rastenburg/Ostpreußen erfolgte die Abkommandierung von Wenzel Krapp nach Rumänien. Henriette Krapp begleitete ihren Mann, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt eine Tochter (Heike, 1943) hatte, zum Itzehoer Bahnhof. „Damals ahnte ich nicht, dass wir uns niemals mehr wieder sehen würden.“ Auch das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte das Ehepaar Krapp so nicht erwartet. Zwar war ihrem Mann von „Offizieren aus Itzehoe“ kurz vor dem 20. Juli prophezeit worden, dass der Krieg verloren sei. Er glaubte es aber nicht: Henriette Krapp: „Wir hofften immer noch auf die Wunderwaffe ‚V 2’. Doch das war ein trügerischer Glaube, wie manches andere auch.“
Nachdem Wenzeslaus Krapp den Itzehoer Bahnhof in Richtung Rumänien verlassen hatte, die zweite Tochter war bereits unterwegs, schrieb er noch drei Briefe an seine Frau. „Der letzte stammt vom 18. August 1944. Er schrieb ihn bei seiner alten Division.“
Henriette Krapp wusste damals nichts von der zahlenmäßigen Unterlegenheit der deutschen Soldaten gegenüber den sowjetischen Kämpfern. Sie wusste nicht, dass sechs gepanzerte Korps, ein Kavallerie-Korps und 94 Schützendivisionen aufmarschiert waren, um die Deutschen zurückzudrängen. Hierzu teilte der „Suchdienst München“ ihr später mit: „An den Durchbruchsabschnitten waren die Kräfte so massiert, daß sich zum Beispiel bei der sowjetischen 27. Armee folgendes Kräfteverhältnis gegenüber den Verteidigern ergab: Infanterie 5:1, Artillerie 8:1, Panzer 10:1.“
Während des gesamten Krieges blieb Henriette Krapp in Münsterdorf wohnen. „Das war sicherer als nach Meppen zu ziehen, in die Stadt meines Mannes.“ Zwar hörte sie die Einschläge alliierter Bomben in Itzehoe und bei Münsterdorf am Dägelinger Weg, doch nach Niedersachsen zog es sie dennoch nicht. Sie wusste: „Die Engländer und Amerikaner bombardieren uns nicht mit letzter Konsequenz. Die schmeißen nur den letzten Dreck runter.“ Sie meinte, dass sich die Alliierten nur der restlichen Bomben über dem Kreis Steinburg entledigten, die sie nicht über Kiel, Hamburg oder Berlin abgeworfen hatten.
Am 28. März 1945 wurde Eva, die zweite Tochter von Henriette und Wenzeslaus Krapp, geboren. Die Entbindungsstation war in der Talstraße in Itzehoe, in der „Villa Clara“. „Eine Woche waren Eva und ich dort. Wenn Luftangriffe auf Itzehoe und Umgebung drohten, wurden wir von Soldaten aus den Kasernen Moltkestraße und Kaiserstraße in den Luftschutzkeller der Entbindungsstation gebracht.“ Nach Ende des Fliegeralarms brachten die Soldaten die Wöchnerinnen und ihre Säuglinge wieder in die Zimmer zurück. „Die Zeit des Fliegeralarms nannten wir ‚den Spuk’“, sagte die Münsterdorferin.
Es bereitete ihr keine Schwierigkeit, sich und ihre Töchter zu ernähren. „Nahrung erhielten wir über die Lebensmittelkarten und aus dem eigenen Garten. Wir mussten nicht hungern, wir wurden satt. Wir hatten ja Kartoffeln.“
Nach der Kapitulation wartete Henriette Krapp vergeblich auf die Heimkehr ihres Mannes. „Zuerst habe ich gehofft, es würden Briefe kommen. Aber es kam keiner.“ Dann hoffte sie, der Russe würde sich so verhalten wie die Engländer. „Der gab im Rundfunk die Namen von Gefangenen bekannt, bereits in den letzten Wochen des Krieges.“ Doch auch hier wieder Enttäuschung. „Der Russe verhielt sich anders. Er gab die Liste seiner Gefangenen nicht bekannt.“ Ihre letzte Hoffnung war der Suchdienst in München. Dort erfuhr sie die traurige Wahrheit über das Schicksal ihres Mannes.
Geblieben sind Henriette Krapp wenige Briefe ihres Mannes, darunter eine sechs DIN-A-4 Seiten lange Briefrolle, geschrieben während der Kriegsweihnacht 1943 und zum Jahreswechsel 1943/1944. Für seine Tochter Heike formulierte Wenzeslaus Krapp damals Zeilen aus einem deutschen Kinderlied: „Vater ist auch Soldat mein Kind, kommt auch wieder nach Hause.“ Doch das war für ihn und seine Familie ein bitterer Trugschluss.


